Viel zähes Ringen, wenig Spaßfußball – und die erste Niederlage! Einpeitscher Jürgen Klopp und seine wild durchgemischten „Balldiebe“ sind vom rasenden Power-Stil des neuen Bundestrainers noch weit entfernt. Bei seinem Heimdebüt gegen Griechenland sah Klopp zwar lange Zeit ermutigende Fortschritte in Zuordnung und Abwehrverhalten, dann aber wurde seine Defensive beim 0:1 (0:0) in Augsburg doch kalt erwischt.
DFB-Kapitän Joshua Kimmich fälschte einen Schuss von Dimitrios Kourbelis (74.) unhaltbar für Alexander Nübel ins eigene Tor ab. Das war Pech, Deutschland hatte vor 28.945 Zuschauern auch mehrere gute Gelegenheiten, die erste Niederlage gegen Griechenland überhaupt zu verhindern. Aber insgesamt war das Spiel nach vorne beim viermaligen Weltmeister arg schleppend.
Nach einer „super intensiven Woche“ und vor dem großen Bettenwechsel wollte der Bundestrainer in seinem XXL-Casting unbedingt mehr Kandidaten unter Nations-League-Spieldruck sehen. Er wechselte daher auf fünf Positionen, was den Kombinationsfluss erheblich hemmte: Teils gezwungenermaßen, teils freiwillig baute Klopp nach dem recht vielversprechenden Auftakt in den Niederlanden (1:1) um. Der Erfolgstrainer geht seinen Weg bemerkenswert konsequent – so stellte er den Hoffenheimer Bambasé Conté ohne Zögern ins offensive Mittelfeld, den bereits vierten Debütanten in seinem zweiten Spiel.
Conté hat bisher elf Bundesliga-Partien über insgesamt 295 Minuten absolviert; Klopp, der erneut auf ein 4-3-3 setzte, hob aber im ARD-Interview die „Ballklau-Mentalität“ des 23-Jährigen hervor. Allzu große Schüchternheit jedenfalls ist offensichtlich nicht das Problem: Nach nicht einmal zwei Minuten gab Conté den ersten deutschen Torschuss ab.
Und Klopp? Der saugte gedankenverloren die Atmosphäre ein und summte „Major Tom“ mit, dann ließ er seine Balljäger auf die „goldene Generation“ der Griechen los. Und das in einer Aufstellung, die noch vor Wochen undenkbar gewesen wäre: Auch Nübel im Tor, Rechtsverteidiger Josha Vagnoman für Philipp Treu sowie Yann Aurel Bisseck in der Innenverteidigung und Younes Ebnoutalib im Sturm waren neu dabei. Dazu: noch ganze vier WM-Stammspieler. Später durfte auch Hennes Behrens debütieren.
Griechenland deutete offensiv nur an, warum es als Mannschaft der Zukunft gilt. Klopp coachte sehr aktiv, er schnappte sich erst Vagnoman, der Arsenal-Star Christos Tzolis die Stirn zu bieten hatte, und dann Kimmich, um mit Erfolg nachzuschärfen.
Vorne tat sich bei viel Ballbesitz besonders auf den Flügeln wenig, Karim Adeyemi (27./32.) allerdings war mit mehreren guten Gelegenheiten auffällig. Ebnoutalib wurde kaum brauchbar angespielt, die Lieferwege waren dicht. Immerhin: Die deutsche Mannschaft zeigte sich stabil, wach und gewillt, sie war aufmerksam bei zweiten Bällen. Das honorierten die Fans – erstmals seit 25 Jahren waren bei einem deutschen Heimspiel wieder Stehplätze geöffnet.
Nach der Pause sollte auf die Pflicht die Kür folgen: Klopp schickte sein Team mit neuem Biss auf den Platz. Der gute Conté nach starker Balleroberung (49.) und Nathaniel Brown (51.), dessen Zuspiel Ebnoutalib verpasste, näherten sich dem Tor. Kimmich (53.) versenkte beinahe einen Freistoß direkt. Die vermisste Spritzigkeit war plötzlich da, Griechenland kickte mehr oder weniger lustlos mit.
Klopp ergriff seine Chance, Florian Wirtz und Jonathan Burkardt sollten den Riegel der gut organisierten Gäste doch noch knacken. Aber nach einem Kimmich-Ballverlust stand dann urplötzlich Fotis Ioannidis alleine vor Nübel, er schob den Ball links vorbei (67.). Wenig später traf Kourbelis.
Im deutschen Camp folgt nun der Bettenwechsel, in den beiden weiteren Nations-League-Spielen gegen Serbien (1. Oktober) in München und gegen Griechenland (4. Oktober) in Thessaloniki hoffen neun weitere Neulinge auf ihr DFB-Debüt. Der nominell schwächer besetzte „Kader 2“ mit Nick Woltemade und Said El Mala saß in Augsburg auf der Tribüne und feuerte die Kollegen an. Vergeblich.